Worauf man etwas bringen kann: Trapez, Tablett oder Tapet?

(Alter Titel: Von Tabletts, Trapezen und Tapeten – und was man darauf bringen kann)

Man kann ja wirklich vieles bringen, und nicht alles, was gebracht wurde, hält ewig: manches, was man aufbringt, ist manchmal zu wenig; manches, was man nachbringt, kommt manchmal zu spät; manches, was man zusammenbringt, geht oder fällt manchmal wieder auseinander; und manches, was man umbringt, ist meistens tot. Selbst wenn man sich letztlich auf das ganz gewöhnliche, herkömmliche Bringen beschränkt, ist manches einfach – falsch.

Diese unrichtigen Dinge möchte ich heute auf die Tapete bringen. Die Frage vorab ist: gehören diese Dinge denn dorthin, auf die Tapete?

Unlängst hatte ich auf der Straße aufgeschnappt, dass eine bestimmte Sache aufs Trapez gebracht werden müsste. Die Diskutierenden entfernten sich im Menschengewirr jedoch rasch von mir, und so war es mir ein Rätsel geblieben, welche Sache das denn wäre, die auf ein Trapez gehörte. Wie Zirkusleute hatten die beiden mir nicht ausgesehen, eher wie zwei ganz normale Männer, sofern Wiener eben normal sein können – zumindest, was deren Verwendung der Sprache betrifft und was sie daraus gemacht haben, nämlich das Wienerische. Das kann einen Nicht-Wiener schon leicht auf die Palme bringen, auch wenn es davon in Wien nicht allzu viele gibt. Palmen, meine ich, nicht Nicht-Wiener.

Neugierig geworden hatte ich daraufhin nachgeschlagen, ob man denn das so sagte, “etwas aufs Trapez bringen”. Mitnichten, wie ich meinte, doch da meinte ich falsch. In exakt diesem Wortlaut fand ich diese Redewendung im entsprechenden Dudenband, wenngleich mit folgendem Hinweis versehen: „In dieser Wendung steht ‚Trapez‘ für das vielen Menschen unbekannte ‚Tapet‘.“ So, so, dachte ich mir und war erstaunt. Etymologisch betrachtet haben nämlich „das Tapet“ und „die Tapete“ denselben Ursprung, nämlich lat. tapetum. Und die Tapete kennt doch wohl noch jeder, auch wenn manch einer lieber Farbe auf die Wand aufbringt als Tapeten.

Es sei, wie es sei: das „vielen Menschen unbekannte“ Tapet ist tatsächlich veraltet und wird heute nur noch in der (korrekt lautenden) Redewendung etwas aufs Tapet bringen verwendet. Aber was ist das nun, ein Tapet? Ist es die Kurzform der Tapete, die bloß bis zur halben Raumhöhe reicht, oder wie? Nein, natürlich nicht. Ein Tapet ist ein Teppich, speziell der Filzbelag eines Verhandlungstisches, und diese Redewendung drückt nichts anderes aus, als eine bestimmte Sache auf den Tisch zu bringen. Zur Sprache zu bringen.

Ich gebe zu, selbst nicht mit diesem Wissen aufgewachsen zu sein. Als Kind nämlich unterlag ich dem – wie ich meine, verbreiteteren – Irrtum, etwas müsse aufs Tablett gebracht werden. Das erschien mir immer schlüssig zu sein, denn da passte es gut hin. Einer brachte es und stellte es ab, das Tablett mitsamt der Sache, und letztlich war es da, wo es hingehörte: am Tisch. Dann zerredete man es so lange, bis nichts mehr davon übrig blieb, und dann kam wieder einer und trug es weg, das Tablett. Vielleicht, um die nächste Sache zu holen. Denn, seien wir mal ehrlich, wie viele solcher Tabletts werden schon auf einem mit grünem Filz bespanntem Verhandlungstisch abgestellt? Da ist doch so ein Tablett allein viel schneller zur Hand: in der U-Bahn, in der Sauna, beim Kaffeeautomaten, im Raucherkammerl und, wenn’s sein muss, sogar im Zimmer vom Chef. Da jedes Mal einen Verhandlungstisch parat zu haben oder selbst bloß das Tapet davon, das wäre schon ziemlich umständlich.

Aber so ist es nicht. Wenn man etwas bereden will, etwas klären muss etc., dann bringt man es aufs Tapet. Auf dem Tablett werden anschließend die Dinge gebracht, die zur allgemeinen Entspannung beitragen, weil sie andeuten, dass die zuvor diskutierte Sache endlich wieder weg ist vom Tapet: Sekt Orange, belegte Brötchen und vielleicht sogar Käse-Weintrauben-Spießchen.

Man kann allerdings auch andere Sachen auf dem Tablett bringen, nämlich vollendete Dinge, schöne Dinge – jedenfalls Dinge, die man nicht länger bereden muss. Die werden allerdings auf einem silbernen Tablett gebracht, besser noch präsentiert, damit sie ein jeder bestaunen kann. Und möglicherweise handelt es sich dabei um dieselben Dinge, die in den Monaten zuvor oftmals aufs Tapet gebracht werden mussten, bevor sie endlich auf silberne Tablett durften. Aber das ist eine andere Geschichte.

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10 Gedanken zu „Worauf man etwas bringen kann: Trapez, Tablett oder Tapet?

  1. Wieder was dazugelernt! Auch ich war bis heute der Meinung, dass man etwas aufs Tablett legt wenn man es zur Sprache bringt. Danke für die amüsante Belehrung und Danke auch dafür, dass es hier endlich wieder was zu schmöken gibt.
    deine treue und wohl ungeduldigste Leserin

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  2. Wer etwas aufs Tapet bringen möchte darf jedenfalls nicht auf den Mund gefallen sein, ansonsten sind alle anderen völlig von der Rolle, während einer sich aufs Ohr haut und sie alle anderen steif halten.

    Eine amüsante Erläuterung – Danke 🙂

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  3. @WoDu:
    … doch wer nicht auf den Mund gefallen ist, sollte dennoch nicht den Mund zu voll nehmen, denn sonst wird er sich noch den Mund verbrennen und ist am Ende noch in aller Munde, da kann er dann noch so oft versuchen, anderen etwas in den Mund zu legen, es wird niemand mehr nach seinem Mund reden und auch nicht an seinem Mund hängen, wohl eher werden sie versuchen, ihm über den Mund zu fahren, das Wort im Mund umzudrehen oder gar seinen Mund zu stopfen, womöglich lebt er letztlich von der Hand im Mund, da wird ihm wohl kaum mehr das Wasser im Mund zusammenlaufen, wenn er sich danach an die Zeiten erinnert, in denen er sich kein Blatt vor den Mund genommen hatte …

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  4. @Karo:
    Ja was jetzt – ist da jemand immer noch nicht mundtot? Muss ich soweit gehen, dir den Mund zu verbieten, oder hast du ein so volles Herz, dass dir der Mund übergeht, sollte ich dir folglich besser Brei um den Mund schmieren, damit du dir etwas vom Mund absparen kannst, damit du erst die Bissen im Mund zählen und dir dann den Mund wischen kannst? Doch Ruhe jetzt, denn mit vollem Mund spricht man nicht! 🙂

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